Interview mit F. X. Gernstl |
Es ist nicht leicht, mit Franz Xaver Gernstl ein Interview zu führen. Man verzettelt sich. Schließlich redet Gernstl viel lieber über Käse, Wein und Olivenöl, als über sich und seine Arbeit. Aber nun hat er ja einen Kinofilm gemacht. Also sollte man wirklich mal mit ihm sprechen. Über das Thema „Glück“ zum Beispiel. Während eines guten Abendessens in Gernstls Münchner Wohnung. Gernstl: Das ist Pecorino, das ist ein Ziegenkäse und hier ist das Brot. Mögen Sie lieber eine Wurst? Gast: Nein, danke. Gernstl: Es gibt hier gleich in der Nähe einen Supermarkt mit einer riesigen Auswahl. Ich mag den Supermarkt lieber als diese kleinen Läden mit eher ausgefallenen Käsesorten, die einem dann doch nicht schmecken. Außerdem kann ich immer nur sehr spät einkaufen gehen und dann haben nur noch die Supermärkte offen. Mir fehlt einfach die Zeit. Gast: Keine Zeit? In Ihren Filmen haben Sie doch immer ungeheuer viel Zeit. Gernstl: Ja, in meinen Filmen vielleicht. Das Verplempern von Zeit ist gewissermaßen mein Beruf. Wenn ich so mit meinem Kameramann und meinem Tonmann herumreise, dann hetzen wir uns nie. Das ist unser Trick. Ganz selten verabreden wir uns mit den Leuten, die wir besuchen möchten. Meist gibt es überhaupt keinen Termin. Da ergeben sich dann die wirklichen Geschichten. Das wahre Leben. Gast: Und was haben Ihre Fernsehfilme nun im Kino zu suchen? Im Kino wollen die Menschen doch höchstens Tierdokumentationen sehen? Gernstl: Tja. Unser Film beschäftigt sich eben mehr mit Menschen. Mit Menschen, die auf der Suche nach dem Glück sind. Und das geht ja jeden an, irgendwie. Gast: Was ist Glück, Herr Gernstl? Gernstl: Glück ist eigentlich der Normalzustand des Menschen. Leider machen wir uns viel zu oft einen Kopf, was noch alles besser sein könnte. Ständig ist uns entweder zu warm oder zu kalt. Das macht unglücklich. Aber wenn man das selbst erfundene Unglück mal abzieht, so kann man doch einfach nur froh und glücklich darüber sein, dass man auf der Welt ist. Gast: Komischerweise sind es meistens Aussteiger, die in Ihren Filmen vorkommen. Muss man aussteigen, um glücklich zu werden? Gernstl: Einsteigen macht viel glücklicher. Wenn man irgendwelche Bedürfnisse und Gelüste oder seine Aufgabe im Leben entdeckt und in diese einsteigt, dann ist man wahrscheinlich der glücklichste Mensch. Nach solchen Leuten suchen wir, mein Kameramann Hans Peter Fischer, mein Tonassistent Stefan Ravasz und ich. Und wir finden solche Leute auch. Es ist beeindruckend, welche Passionen sie so haben. Gast: Ihre Passion ist das Herumfahren? Gernstl: Ja. Ich bin auch schon vor 1983 herumgefahren mit dem Fischer, der schon lange mein Freund ist. Am Wochenende sind wir einfach unterwegs gewesen. Wir haben uns irgendwelche Wirtshäuser gesucht und wenn wir jemanden getroffen haben, so haben wir uns unterhalten. Dann kam uns die Idee, dass es schön wäre, wenn man mit Herumreisen seinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Zielstrebig darauf angelegt habe ich es nicht. Eigentlich habe ich ja eine Lehre als Bankkaufmann gemacht und später Sozialpädagogik studiert. Mein Freund Fischer arbeitete zunächst als Fotograf und war später Tonmann in Israel. Nach einer Hospitanz beim Bayerischen Rundfunk fragte mich glücklicherweise ein Redakteur, was ich gerne machen würde. Ich sagte: „Rumfahren.“ Und tatsächlich – nachdem wir ein paar Hürden überwunden hatten – ist auch was draus geworden. Am Anfang haben Fischer und ich wirklich nur Mist gedreht und alles weggeworfen. Mein Problem war, dass ich meinte, ich müsste mich großartig auf diese Fahrten vorbereiten. Aber das konnte man alles vergessen. Am besten waren die Geschichten, die sich zufällig ergaben. Gast: Mit dieser Einstellung sind Sie sicher niemals Referent an einer Journalistenschule geworden? Gernstl: Nein. Aber Egon Erwin Kisch hat sich ja auch immer recht unvorbereitet in seine Reportagen gestürzt. Dieser Ansatz gefällt mir. Klar: Der normale Reporter soll nicht einfach das normale Leben abbilden, sondern hat ein klares Ziel. Dazu muss natürlich auch viel recherchiert werden. Aber bei uns ist das anders. Wir sind drei ganz normale Typen, die gerne reisen und die Leute nicht unterbrechen, wenn sie uns etwas erzählen möchten. Gast: Warum haben Sie aus Ihren Fernsehtouren nun einen Kinofilm gemacht? Gernstl: Das ist ein Geschichtsfilm. Da kommen Bhagwan-Jünger vor, Hippies und die DDR. Das müssen die jungen Leute doch sehen. Gast: Sie sind auch Produzent von Doris Dörries Filmen „Erleuchtung garantiert“ und „Nackt“. Auch „Herr Wichmann von der CDU“ von Andreas Dresen haben sie produziert. Und die Kindersendung „Willi wills wissen“. Gernstl: Ja. Produzent zu sein ist nicht ganz so entspannend, wie mit seinen beiden Freunden durch das Land zu reisen. Gast: Wie leicht kommt man an die wahren Geschichten der Leute heran, wenn man eine Kamera in der Hand hält? Gernstl: Ringo Starr sagte einmal, er sei nur deshalb Schlagzeuger bei den Beatles, weil er da leichter an die Frauen heran käme. Das war früher durchaus auch unsere Motivation. Früher war Fernsehen ja etwas ganz Besonderes. Heute stellt einem der Bürgermeister nicht mehr seine drei Töchter vor, sondern überreicht einem höchstens noch einen Krug mit Zinndeckel. Es ist natürlich auch so, dass die Jungen weniger zu erzählen haben als die Älteren. Und im günstigsten Fall reden sie vor der Kamera. Am ergiebigsten sind alte, selbstvergessene Männer, die mit sich und der Welt im Reinen sind. Es sind nicht allein die Lebensumstände, die einen glücklich machen. Es sind vor allem die bewussten Entscheidungen. Haben Sie eigentlich schon dieses Olivenöl hier probiert? Das hat mir die Halbgriechin Natalie geschenkt. Der war auf einer schwankenden Fähre von Teneriffa nach La Gomera neben mir ganz fürchterlich schlecht geworden. Da habe ich ihr ständig Kotztüten gereicht. Gast: Ja? Interessant. Das ist ein ausgezeichnetes Öl, Herr Gernstl. Auf Ihren Recherchereisen wird ja sehr viel getrunken. Ist das Strategie? Erzählen Ihre Interviewpartner mehr, wenn Sie etwas getrunken haben? Gernstl: Nein, das ist keine Strategie. Wir frönen einfach unserer Lust. Und das sind Bratwürste, Bier und Bekanntschaften. Einmal waren wir in Niederbayern bei einem Pizzabäcker. Der hat uns von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr morgens Grappa eingeschenkt und uns gleichzeitig alles über Nudeln und Speck erzählt. Das war gut. Von unserem Filmmaterial aber konnten wir nur die ersten Stunden verwerten. Der Rest war einfach zu fröhlich. Gast: Glück ohne Drogen – geht das? Gernstl: Sicher. Seit drei Tagen habe ich mit dem Rauchen und dem Trinken aufgehört und fühle mich total wohl damit. Natürlich kann man ohne Drogen mit sich und der Welt völlig im Reinen sein. Gast: Macht Geld glücklich? Gernstl: Auf Dauer nicht. Natürlich kann man sich mit viel Geld einen besseren Wein leisten. Es muss aber gar nicht immer das teuerste sein. Eigentlich braucht man doch nur ein paar Nudeln, Olivenöl und Knoblauch. Schon hat man das feinste Essen. Ich selber komme ja auch aus recht ärmlichen Verhältnissen. Meine Mutter war Hausfrau und mein Vater wollte immer Unternehmer sein. Er war ungeheuer perfektionistisch, deshalb brauchte er recht lange, bis er seine Regale aufgestellt hatte. Er gab mir das Motto mit auf dem Weg: „Mache alles so gut, wie es geht, denn schlechter wird es von selber“. Klingt irgendwie recht buddhistisch, oder? Jedenfalls wollten meine Eltern, dass ich erst einmal eine Banklehre mache. Als ich merkte, dass das nichts für mich ist, habe ich mich turbomäßig in die Rosenheimer 68er Bewegung eingeklinkt. Ich habe meinen Anzug weggeworfen, mir die Haare lang wachsen lassen und bin nur noch zerbeulte Autos gefahren. In der Fußgängerzone verteilte ich mit meinen Freunden Fünf-Mark-Scheine an Passanten, um zu zeigen, dass Geld nicht alles ist. Gast: Im Grunde machen Sie ja Antifernsehen, Herr Gernstl. Sie sagen: Leute, glotzt nicht, geht raus. Esst. Trinkt. Redet. Gernstl: Es ist nicht meine Absicht, eine Philosophie zu verbreiten. Aber es stimmt, dass mir oft Menschen schreiben, dass ich ihnen beigebracht hätte, wie schön es ist, sich mit anderen zu unterhalten. Gast: Kostet Sie dieses Eindringen in fremde Welten nicht auch Überwindung? Gernstl: Merkt man das? Das stimmt nämlich. Ich bin gar kein so kontaktfreudiger Draufgänger. Manchmal stehen wir stundenlang vor einem altmodischen Frisiersalon und überlegen, ob wir da jetzt mit der Kamera reingehen sollen oder nicht. Mit einigem Glück kommt der Friseur raus, und es geht ganz natürlich ein Gespräch los. Aber manchmal scheitern wir auch. Zum Beispiel waren wir mal eine Woche in Wien, um eine Geschichte über die Schrebergärten zu drehen, und haben nichts hinbekommen, weil der Kameramann Liebeskummer hatte. Nach betriebswirtschaftlichen Gesichts¬punkten sind wir äußerst schlechte Arbeiter. Aber man kann unsere Geschichten nicht erzwingen. Im Kinofilm kommt ein Chirurg vor, der seine wahre Bestimmung als Hobbylandwirt gefunden hat. Wir haben uns mit dem Mann gut verstanden und einfach so geplaudert. Als zwei Nordic-Walker vorbeiliefen, sagte er: „Sport ist ein Privileg der Landlosen“. Ein fantastischer Satz. So etwas kann man nicht abfragen. Gast: Wie ist das im Team? Geht man sich nach einer so langen Zeit des gemeinsamen Reisens nicht gehörig auf den Keks? Gernstl: Wir spielen uns nichts vor, sondern lassen Ärger immer sofort raus. Das funktioniert sehr gut. Manchmal geht es bei uns auch lautstark zu. Zum Beispiel, wenn wir in unseren alten Wunden herumbohren. Aber am nächsten Tag ist wieder alles in Ordnung. Im Grunde ist das, was wir betreiben, eine permanente Psychotherapie. Wir treiben uns nicht in den Wahnsinn, sondern zur Wahrheit. Gast: Wenn man so viele Lebenskünstler befragt, wie Sie es tun, Herr Gernstl, denkt man sich als Filmproduzent dann nicht auch, ob es vielleicht besser wäre, in einen Weinberg zu ziehen oder Schafe zu züchten? Gernstl: Ich habe bisher noch niemanden getroffen, mit dem ich gerne getauscht hätte. Das, was ich mache, ist ein toller Job. Gast: Dieses Gefühl hatten Sie schon immer? Gernstl: Es gab mal so ein Loch, wo wir drei Jahre lang keinen Auftrag mehr erhielten. Das war direkt nachdem wir den Adolf-Grimme-Preis bekommen haben. Bei der Preisverleihung habe ich zahlreiche wichtige Leute in meiner Danksagung schlichtweg vergessen. Das passiert mir immer wieder. Vielleicht war das damals das Problem. Ansonsten gab es nie richtige Probleme. Gast: Wird diese Arbeit nicht auch langweilig, über die Jahre hinweg? Gernstl: Klar, wir machen seit zwei Jahrzehnten eigentlich ständig den gleichen Film. Aber die Menschen ändern sich. Natürlich gehen wir bei einem Dreh nicht zweimal zum Friseur und dreimal zum Bauern. Es kommt aber weniger darauf an, was die Menschen tun, sondern wie sie es tun. Das interessiert offenbar nicht nur die älteren Zuschauer. Letztens wurde ich in einer Kneipe von einem Zwanzigjährigen gelobt. Und im Flugzeug von der jungen Stewardess. Es ist ungewöhnlich, was wir machen. Aber es kommt offenbar an. Wir zeigen zufriedene Schreiner. Oder einen Typen mit 300 Viechern. Die Lebensweisheiten vom Kalenderblatt haben diese Menschen vielleicht nie gelesen. Sie brauchen diesen theoretischen Unterbau auch nicht. Auch so vermitteln sie: „Ich weiß, wie es geht.“ Dieses griechische Öl hier zum Beispiel: Das macht mich glücklich. |